Kolumne

Königsberg, diesmal nicht in Ostpreußen

Von: Tilman Weigel

Hans Müller heißt der Mann, der als einer der Begründer der Trigonometrie gilt und die erste wissenschaftliche Beschreibung eines Kometen in Europa verfasst hat. Kennen Sie nicht? Kein Wunder. Denn damals war es modern, sich einen lateinischen oder griechischen Namen zu geben. Philipp Schwartzerdt wurde Philipp Melanchthon und der Kirchenlieddichter Joachim Neander hieß deshalb nicht Neumann, weshalb das Neandertal nicht Neumanntal und der Neandertaler nicht Neumanntaler heißt.

Überschaulich mit 1.700 Einwohnern: Königsberg in Bayern – Foto: Michaklu

Statt fürs Griechische entschied sich Müller fürs Lateinische und nannte sich Regiomontanus. Das bedeutet Königsberger, denn aus Königsberg kam der Mann. Allerdings nicht aus jenem Königsberg in Ostpreußen. Nein, dieses Königsberg liegt in Bayern, genauer gesagt in Unterfranken.

Der Ursprung des Ortes ist tatsächlich königlich. Spätestens seit dem Frühmittelalter hatte es an der Stelle der heutigen Stadt rund 25 Kilometer östlich von Schweinfurt einen Ort gegeben. Der hieß allerdings noch Ingelhofen. Königsberg entstand erst im 12. Jahrhundert in Folge eines Burgenbaus auf dem „Weinberg des Königs“ durch den legendären Kaiser Barbarossa.

Durch seine Lage im fränkischen Weinland entwickelte sich der Ort vielversprechend. Im 14. Jahrhundert erhielt Königsberg zunächst die Markt-, dann die Stadtrechte. Zu Beginn des 30-jährigen Krieges gehörte die Stadt zu jenen nur sieben Prozent der europäischen Städte, die mehr als 2.000 Einwohner hatten.

In Königsberg findet man die für diese Gegend typischen Fachwerkhäuser – Foto: Dark Avenger

Doch im Verlauf des Krieges wurde die Stadt mehrmals besetzt und zerstört. 1632 lagerte der kaiserliche Feldherr Tilly hier mit 8.000 Mann. Im Verlauf der Besetzung brannte die Stadt fast völlig nieder. Dem anschließenden Wiederaufbau verdankt die Stadt ihr relativ einheitliches Aussehen mit den für Franken typischen Fachwerkhäusern. Nicht nur der Krieg, auch ständig neue Herren behinderten die Entwicklung. Zuletzt wechelte Königsberg 1920 die Landesherren, als es mit dem Freistaat Coburg zu Bayern kam.

Heute hat die Kernstadt mit rund 1.700 Menschen weniger Einwohner als zu ihren Glanzzeiten und ist eine der kleinsten Städte in Bayern. Die frühere Bedeutung spiegelt sich noch immer in Königsberg. Nicht nur in den Fachwerkhäusern der Altstadt, sondern auch in vielen Traditionen. Als einzige in Deutschland hat die während der Revolution 1848 entstandene Bürgerwehr bis heute überdauert.

Geblieben ist auch der Amtsbote, der Nachrichten zwischen der ehemalige Exklave des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha und dem herzoglichen Hof übermittelte und heute eine Touristenattraktion ist. Der Amtsbotenweg ist mittlerweile ein Wanderweg. Und am 30. November ziehen verkleidete Kinder am Hätscherklooßenabend von Haus zu Haus, um in Erinnerung an den große Brand von 1832 die Menschen vor den Gefahren des Feuers zu warnen.

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