Kolumne

Dickelsmoorsee? Autobahnsee!

Von: Tilman Weigel

Als in Nürnberg nach 1945 die Baugrube für das gigantische deutsche Stadion auf dem Reichsparteitagsgelände volllief, da machten die Nürnberger aus dem durch Kriegsschutt und Sondermüll vergifteten See nicht etwa den Giftmülltümpel, den Schwermetallweiher oder das Nazi-Stadion-Wasser, sondern nannten ihn Silbersee und die ehemalige Hochdeponie Bauernfeindstraße Silberbuck.

Im Sommer ein beliebtes Naherholungsgewässer: der Autobahnsee – Foto: Mailtosap

Die Augsburger waren da weniger romantisch. Nachdem die Nationalsozialisten in den Jahren 1936 und 1937 entlang der Baustelle für die heutige A8 Kies ausgebaggert hatten, nannten die Schwaben den daraus entstandenen See nicht etwa Dickelsmoorsee (nach dem benachbarten Ort) oder Hammerschiede-Weiher (nach dem Augsburger Stadtteil), sondern schlicht Autobahnsee.

Vielleicht war das auch ein geschickter Marketing-Schachzug. Denn Autobahnen standen damals noch für den Glauben an den Fortschritt und nicht für Stau, Abgase und Lärm. Am Autobahnsee sollte sogar ein Naherholungszentrum mit Hotel gebaut werden. Daraus wurde allerdings nichts. Der Zweite Weltkrieg verhinderte das Projekt.

Die Strecke von Karlsruhe über Augsburg nach München war Teil der Reichsautobahn 26. Hinter der bayerischen Landeshauptstadt wurde zunächst das erste Teilstück bis Salzburg fertig gestellt. Auch das zweite Teilstück wurde noch vor dem zweiten Weltkrieg fertig gestellt. Die Anschlussstelle Augsburg-Ost liegt direkt am Autobahnsee, so dass der an zwei Seiten von Straßen eingerahmt ist.

Trotzdem ist der See auch heute ein beliebtes Naherholungsgebiet mit Liegewiesen, Spielplatz und Biergarten. In einem abgesperrten Bereich kann man ferngesteuerte Modellboote fahren lassen. Mit bis zu vier Metern ist der See zwar nicht besonders tief, aber tief genug zum Schwimmen.

Obwohl künstlich und ohne überirdischen Zufluss, ist der See reich an Fischen. Die wurden dort überwiegend bewusst ausgesetzt und dürfen geangelt werden, auch wenn die Stadt Augsburg um Überfischung vorzubeugen strenge Regeln aufgestellt hat. Beispielsweise dürfen nur zwei Hechte oder Zander pro Tag gefangen werden. Die nahe Autobahn scheint die Fische dagegen kaum zu stören.

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