Kolumne

Zurück in die Steinzeit

Von: Sebastian Herbst

Beim Bau einer ICE-Trasse erwartet man eigentlich vieles. Zum Beispiel einzelne Personen, die die Ruhe ihres Wohnortes oder die Makellosigkeit des Landschaftsbildes gestört fühlen und deshalb offen ihre Meinung gegen ein solches Bauvorhaben bekunden. Sei es in Form einer Unterschriftensammlung, sei es in Form von offenen Demonstrationen, nicht selten werden dadurch die Arbeiten behindert oder sogar zeitweise stillgelegt.

Wie hier bei Erfurt finden auch in Oberfranken noch Ausgrabungen statt – Foto: © Peter Fenge / PIXELIO

Die Bauherren der ICE-Trasse von Ebensfeld nach Erfurt, einer Neubaustrecke und Teil der sich seit 1996 im Bau befindlichen Bahnverbindung zwischen Nürnberg und Erfurt, haben momentan mit ganz anderen Sachen zu kämpfen. Alles begann ganz harmlos, als man im Mai 2010 bei den Bauarbeiten auf dem Gemeindegebiet von Staffelstein auf Gebäude stieß, wohl aus der jungsteinzeitlichen Epoche.

Nach weiteren Ausgrabungen wurde klar, dass sich hier etwas Größeres befinden muss – und tatsächlich: Eine über weite Flächen gut erhaltenen Mittelpunktsiedlung, deren über rund 40 Gebäude sich auf einer Fläche von 2,5 Hektar erstrecken, wurde entdeckt. Die aus dem 53. bis 51. Jahrhundert vor Christus stammende Siedlung ist damit die größte ihrer Art in ganz Oberfranken. Umso verwunderlicher ist, dass trotz dieser Entdeckung die Bauarbeiten an der ICE-Trasse, ohne die Ausgrabungen zu behindern, weiterlaufen, obwohl das bislang noch namenlose Steinzeitdorf praktisch die gesamte Fläche zwischen zwei geplanten Tunneln einnimmt. Die Strecke wird ob des Fundes aber nicht verlegt, die Arbeiten laufen genauso weiter wie bisher.

Noch sind die insgesamt rund 40 Fachleute unter der Schirmherrschaft der Grabungsfirma Adilo jedenfalls noch emsig damit beschäftigt, die sich auf dem Gelände befindlichen Funde freizulegen und zu bergen. Dies kann so lange geschehen, bis der Rettungsplatz des nahe gelegenen Tunnels betoniert wird. Dann wird das Steinzeitdorf für immer unter Schotter begraben.

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