Kolumne

Zwischen Trachten und Saris

Von: Tilman Weigel

Der Spiegel hatte vor wenigen Jahren eine dramatische Geschichte über den Hamburger Stadtteil Wilhelmshof veröffentlicht. Von Dioxin verseuchten Müllbergen, auf denen Kampfhunde kleine Kinder beißen war da die Rede und von einem Stadtteil “krank von Perspektivlosigkeit”, aus dem flieht wer kann. Und diese Wilhelmsburg ist überall, schlossen die Spiegel-Redakteure. In Berlin heißt es Marzahn, in Halle Silberhöhe und in Nürnberg Galgenhof-Steinbühl, die Nürnberger Südstadt, die direkt südlich des Hauptbahnhofs beginnt.

Zentraler Anlaufpunkt für viele Kulturen ist der Aufseßplatz – Foto: Holger Schossig

So schlimm sieht es jedoch gar nicht aus, zumindest nicht von der Straßenbahn der Linie 8 aus. Keine Müllberge, keine Kampfhunde, höchstens ein bisschen schmutzig ist es. Reich ist der Stadtteil nicht, das sieht man. Viele Häuser könnten eine Renovierung vertragen, Ramschläden, Spielhöllen, Handyläden und Telecafés bestimmen das Straßenbild. Aber dazwischen finden sich auch Fachgeschäfte, die man hier nicht vermuten würde. In der Humboldstraße, einer kleinen Seitenstraße mit schönem Baumbestand und alten Jugendstilhäusern, haben sich dicht beieinander eine Reihe von Instrumentenbauern niedergelassen. Rundherum liegen traditionelle Tante-Emma-Läden, Metzgereien und Bäckereien, in denen man sich fast fühlt, wie in einem Dorf. Kunden werden hier namentlich begrüßt und im schlimmsten Fall kann man auch mal anschreiben lassen.

Daneben sind es die vielen ausländischen Läden, die der Südstadt einen ganz eigenen Reiz geben. In manchen Gegenden sind zwei Drittel der Einwohner Migranten. Neben zahlreichen türkischen Geschäften gibt es afrikanische Lokale, indische Bekleidungsspezialisten, italienische Bäcker und asiatische Lebensmittelläden. Dazwischen liegen klassische Fachgeschäfte. Hier der traditionsreiche Lederwarenhändler und der Trachtenladen, dort türkische Damenmoden.

Viele kleine Läden unterschiedlicher Herkunft bereichern die Südstadt – Foto: Holger Schossig

So lange ist es noch gar nicht her, dass die heutige Südstadt überwiegend aus kleinen Dörfern bestand. Mehrere Schlösser erinnern noch daran, dass hier einst die Landsitze der wohlhabenden Nürnberger lagen. Doch mit der Industrialisierung wurde die Südstadt einer der wichtigsten Industriestandorte in Bayern.

Dann kamen das Auto und der Strukturwandel. Zahlreiche Betriebe mussten schließen oder verlegten die Produktion in die Vororte. Die verbliebenen Arbeiter kauften sich Einfamlienhäuser im Umland und kommen oft nur noch zum Arbeiten in die Südstadt. Aber es gibt Hoffnung. Einige Industriebetriebe bauen bereits wieder und erweitern ihre Produktion. Und zahlreiche Menschen entdecken den Reiz des bunten und quirligen Viertels. In der ehemligen Poststadt entstanden Wohnungen für die gehobene Mittelschicht, in einem Seitengebäude befindet sich jetzt ein Existenzgründerzentrum. Im Prinzip gibt es nur zwei Einstellungen zur Südstadt: Entweder man hasst sie oder man liebt sie.

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