Kolumne

Würzburger Lügensteine

Von: Tilman Weigel

Manchmal sind Fälschungen unterhaltsamer als die Originale. Beispielsweise bei den Würzburger Lügensteinen, einer der bekanntesten Fossilienfälschungen. Da gibt es “versteinerte” sich begattende Frösche zu sehen, eine Riesenmilbe, die gerade eine Fliege gefangen hat oder geheimnisvolle hebräische Schriftzeichen.
Viele Fälschungen sind so abstrus, dass heute selbst Laien stutzig werden würden.

Drei Burschen hatten am 31. Mai 1725 den Würzburger Medizinprofessor und Leibarzt des Fürstbischofs aufgesucht. Sie hätten in einem Weinberg bei Eibelstadt Fossilien gefunden.

Ein Teil der Würzburger Lügensteine

Nun war Beringer nicht so naiv, wie ihm heute teilweise unterstellt wird. Er machte sich selbst auf den Weg zum Fundort. Doch die 14- bis 18-jährigen Jugendlichen hatten dort ebenfalls Steine vergraben, die nun wieder ausgegraben wurden. In den folgenden sechs Monaten wurden rund 2.000 der vermeintlichen Fossilien geborgen.

Beringer gab schon im folgenden Jahr seine Lithographia Wirceburgensi heraus und plante eine große Ausstellung. Neben “versteinerten” Tieren und Pflanzen fand er auch Sonnen und Kometen. Weil sich teilweise nicht erklären lies, wie bestimmte Formen hätten versteinern sollen, sah Beringer in den Platten einen Beweis für die These des persischen Wissenschaftlers Avicenna, jede Form der Natur sei in Stein schon angelegt.

Auch geheimnisvolle Schriftzeichen wurden gefunden und schließlich eine Platte mit einem Namen: seinem eigenen. Damit war klar, dass die Fossilien falsch sind. Seinen zweiten, fast fertig gestellten Band seiner Lithographia gab Beringer nicht mehr heraus.

Der Würzburger Mathematiker Ignatz Roderick und der Bibliothekar Geheimrat Georg von Eckhart gaben später zu, dem arroganten Beringer einen Streich gespielt zu haben. Als sie gehört hatten, dass Beringer ein Buch über die Steine herausbringen wollte, hatten sie den Kollegen sogar gewarnt, weil sie die Tragweite des Scherzes erkannten. Doch der wollte nicht hören.

Die Fälschungen bestehen aus mainfränkischem Muschelkalk – Foto: Michael Linnenbach

Bei den Paläontologen der Universität Würzburg will man diese Geschichte allerdings nicht glauben. Roderique sei im Mai 1725 noch gar nicht in Würzburg gewesen. Tatsächlich wurde er erst im Dezember Professor, hielt sich allerdings mit seinem Freund von Eckart schon vorher in der Domstadt auf. Auch andere Quellen vermuten, dass Beringer selbst die Fälschungen in Auftrag gab.

Doch letztendlich litt er vor allem selbst unter der Panne. Roderick verlies zwar Würzburg, wurde jedoch in Köln ein angesehener und erfolgreicher Publizist. Von Eckart verlor seine Stelle, doch er starb ohnehin kurz darauf. Beringer blieb Professor, hatte aber viel von seinem Ansehen verloren. Ihm 19. Jahrhundert war unter Wissenschaftler der Ausdruck: “Ihm ging es wie Beringer” recht beliebt. Soll heißen: “Er hat sich übers Ohr hauen lassen“.

Die verbliebenen Steine findet man in Bayern außer im Mainfränkischen Museum in Würzburg auch in der Sammlung des Instituts für Geologie und Mineralogie der Universität Erlangen, in München und in Bamberg.

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