Kolumne

Sepp Maier – die Katze von Anzing

Von: Tilman Weigel

Ich kann mich noch recht gut erinnern, wie ich mit meinen Eltern im Jahr 1985 nach Süditalien in den Urlaub geflogen bin. Neben uns am Flughafen München stand ein älterer Mann, der angeblich wahnsinnig berühmt war. Zumindest drängte mein Vater mich, mir unbedingt ein Autogramm geben zu lassen.

Sepp Maier im Jahr 2007 – Foto: Rami Tarawneh

Das habe ich auch getan, das Autogramm aber bald wieder verloren. Denn der Fluggast war mit total unbekannt. Sepp Maier hieß der ältere Herr, der damals übrigens gerade mal 41 Jahre alt war, für mich als Neunjährigen ein biblisches Alter.

Tatsächlich ist Sepp Maier einer der erfolgreichsten deutschen Fußballtorhüter. Mein Torwart-Idol hieß 1985 freilich Toni Schumacher, der damalige Torhüter der Nationalmannschaft. Mit dem teilt Sepp Maier die Ehre, mehrmals Fußballer des Jahres geworden zu sein. Zusammen mit Oliver Kahn und Schumacher übrigens als einzige Torhüter und mit drei Ehrungen sogar einmal öfter als seine beiden jüngeren Kollegen.

Denn Sepp Maiers Erfolge lagen bereits in den 1960er und vor allem 1970er Jahren. In dieser Zeit wurde er mit den Bayern viermal deutscher Meister und viermal DFB-Pokalsieger und 1974 sogar Weltmeister. Dabei hatte der in Niederbayern geborene Josef Dieter Maier beim TSV Haar eigentlich als Mittelstürmer begonnen. In die Gemeinde im Münchner Speckgürtel waren seine Eltern 1946 gezogen. Maier wollte eigentlich gar nicht ins Tor. Doch als sich der eigentliche Torwart verletzte, musste er dessen Posten übernehmen und machte seine Sache so gut, dass er fortan fest auf diesem Posten spielte, 1958 für die A-Jugend des FC Bayern München verpflichtet wurde und 1962 einen Profivertrag bekam.

Sogar auf eine Briefmarke schaffte es Sepp Maier

1965 stieg der FC Bayern in die Bundesliga auf. Doch die größten Erfolge liegen in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Nach zahlreichen nationalen Erfolgen heimsten die Bayern damals international Titel um Titel ein. Dreimal in Folge gewannen die Roten den Europapokal der Landessieger, den Vorgängerwettbewerb der heutigen Champions League und wurden 1976 Weltpokalsieger. Vor allem aber wurde Maier 1972 Europa- und 1974 Weltmeister mit der Nationalmannschaft.

Dazu hatte er nicht unwesentlich beigetragen. Wegen seines Wohnorts in Anzing bei München bekam er den Spitznamen “Die Katze von Anzing“. Doch nach einem von ihm verschuldeten Unfall 1979 war die Profikarriere zu Ende. Erst neun Jahre später kam das Comeback – als Trainer. Als Torwarttrainer wurde Maier 1990 noch einmal Weltmeister. Bis heute stand niemand öfter im Tor der Nationalmannschaft. Unvorstellbar, dass er ohne den verletzungsbedingten Ausfall des Torwarts beim TSV Haar vielleicht nie entdeckt worden wäre. Dann wäre Sepp Maier 2008 statt als Torwarttrainer des FC Bayern München vielleicht als Maschinenschlosser in Rente gegangen. Das hatte er nämlich eigentlich gelernt.

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