Kolumne

Friedrich Seltsam: Nicht seltsam, nur erfolgreich

Von: Sebastian Herbst

Die Geschichte von Friedrich Seltsam ist wenn nicht seltsam, dann doch zumindest reich an Umschwüngen: Wurde der spätere Großunternehmer 1844 in Grünstadt in der Rheinpfalz als Sohn eines Gastwirts und Brauereibesitzers geboren, kam er über seine Eltern auch früh mit dem örtlichen Gaswerk in Kontakt, waren sie doch Initiatoren desselben. So betrieb er nach seinem Umzug nach Bayern nur kurze Zeit eine kleine Brauerei, bevor er mit gerade einmal 26 Jahren die Branche wechselte und das Gaswerk in Forchheim erwarb – lediglich mit Grundkenntnissen, wohlgemerkt.

Friedrich Seltsams Unternehmen existierte bis in die 1970er Jahre.

Doch das Gas sollte sich auch nicht als der wichtigste Geschäftszweig entpuppen, bereits im Folgejahr der Übernahme begann Seltsam damit, eine am Gaswerk angeschlossene Knochenbrennerei aufzubauen, die sich alsbald ausschließlich auf die Produktion von Knochenleim spezialisierte. Mit mehreren Patenten revolutionierte der Grünstädter die Branche, die für das kommende Jahrhundert fast ausschließlich nach den Seltsam’schen Verfahren arbeiten sollte. Dies brachte Friedrich Seltsam nicht nur den Titel „Vater der modernen Knochenleimproduktion“ sondern auch ein stattliches Vermögen ein, das ihn zu einem der reichsten Männern Frankens machte. Seine Villa, die er bauen ließ, war für die damalige Zeit so fortschrittlich, dass sie von der damaligen Forchheimer Tageszeitung als „städtische Sehenswürdigkeit“ ausgewiesen wurde.

Es kam, was kommen musste: Seltsam modernisierte ständig den Betrieb, wobei die Ausgaben in keinem Verhältnis zu den Einnahmen standen. Als ihm noch die schuldenreiche elterliche Brauerei zufiel, investierte er auch hier viel Geld zu deren Rettung. Seine finanziellen Probleme ließen ihn zu einem gesellschaftlichen Außenseiter werden, bis er sich 1887 im Alter von 43 Jahren mit einer Schrotflinte das Leben nahm. Seine Firma wurde verkauft und konnte sich noch fast 100 Jahre sehr erfolgreich am Markt halten, bis der in den 1970ern einsetzende Kunstleim-Boom das Geschäft zunehmend unrentabel machte.

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