Kolumne

Freising – Die Geistliche Stadt

Von: Michael Neißendorfer

Heutzutage ist Freising in Augen vieler nicht sehr viel mehr als ein Vorort Münchens und mit knapp 45.000 Einwohnern nur die viertgrößte Stadt in Oberbayern. Von der einstigen Blüte der Kreisstadt erfährt nur, wer ein wenig in der Geschichte stöbert. Schnell wird man feststellen, dass Freising schon im frühen Mittelalter eine der größten und wichtigsten Siedlungen Bayerns war, zu einer Zeit, als am Münchner Petersbergl noch nicht mal die Namensgebenden Mönche hausten.

Das Wahrzeichen von Freising: der Dom – Foto: Violatan

Ab 555 n. Chr. war Freising Herzogssitz der Agilolfinger, ab 739 Bischofssitz. Noch viel ältere Spuren gehen zurück bis ins Jahr 4.000 v. Chr. – auf dem Domberg fand man in den 70er Jahren Keramik und Hornsteingeräte der Münchshöfener Kultur. Zurück in die Bischofszeit: der erste Bischof Freisings war der Wanderbischof Korbinian, aus dem französischen Arpajan. Sein Wappentier, der Bär, ziert bis heute das Freisinger Stadtwappen.

Mit und nach Korbinian entwickelte sich Freising rasch zu einer Geistlichen Stadt, einem Zentrum des Wissens, mit Klöstern, Bibliotheken, Skriptorien und einer Domschule. Sie genoss hohes Ansehen bei Kaisern und Königen, war künstlerisches wie auch religiöses Herz Altbayerns.

Freising und München

So präsentiert sich Freising vom Weihenstephaner Berg – Foto: Violatan

Einem wilden Vorfahren des als Prügelprinz bekannten Ernst-August ist eine der wichtigsten Episoden Freisings und die Gründung der Stadt München zu verdanken: Heinrich der Löwe, aus dem Geschlecht der Welfen, lies die durch die Salzzölle sehr gewinnbringende Brücke der Freisinger, die etwa auf Höhe des Hölzernen Stegs bei Oberföhring lag, abbrechen, und errichtete fünf Kilometer flussaufwärts, an der heutigen Museumsinsel, eine eigene Brücke. Diesen Ort benannte er – nach den Mönchen, die am Petersbergl wirkten . ‘apud munichen‘: bei den Mönchen.

Zwei Jahre später musste ein Schiedsspruch durch Kaiser Friedrich I. entscheiden, ob Heinrich der Löwe die Brücke zurückgeben muss oder sie behalten darf. In Augsburg wurde das Urteil aus Gründen der Staatsraison zugunsten Heinrichs entschieden, und zwar am 14. Juni 1158, Tag der ersten urkundlichen Erwähnung Münchens und offizielles Datum der Stadtgründung. Allerdings musste München bis zur Säkularisation 1803 ein Drittel der Einnahmen aus dem Markt- und Münzrecht an Freising abgeben.

Frühes Geistliches Zentrum Altbayerns

Der Weihenstephaner Berg mit der ältesten Brauerei der Welt – Foto: Violatan

Freising blieb eine blühende, wohlhabende Stadt, wurde zum Fürstbistum, mit Besitzungen wie Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald, Ismaning, Burgrain und Isen. Deshalb war es immer auch ein Dorn im Gebiet der Wittelsbacher, die immer wieder versuchten, die Macht der Fürstbischöfe zu brechen. Erst durch die bereits erwähnte Säkularisation verlor Freising seinen Einfluss, und geriet langsam in Vergessenheit, wurde zur Durchgangsstation, zur Stadt, die mit dem Flughafenlärm und Debatten über Startbahnen zu kämpfen hat.

Doch Freising ist gerade wegen seiner bewegten Geschichte immer eine Reise wert. Da lockt nicht nur der Domberg, mit dem prächtigen Dom St. Maria und St. Korbinian, ausgestattet von den Gebrüdern Asam. Das zweitgrößte kirchliche Museum der Welt, das Dombergmuseum, liegt gleich nebenan, die sehenswerte Altstadt, mit ihren bunten Häusern und kleinen Gassen dem Domberg zu Füßen. Und nicht zuletzt ein Highlight: die wohl älteste Brauerei der Welt, mit ihrem Bräustüberl samt Biergarten, auf dem Hügel bei Weihenstephan, den die Freisinger liebvoll ‘Nährberg’ nennen.

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