Kolumne

Die Wallfahrtskirche in Hessenthal – Anziehungspunkt für Gläubige und Kunstinteressierte

Von: Karola Schmitt

Fünfmal im Jahr pilgern Gläubige zur Wallfahrtskirche in Hessenthal im Spessart. Ziel der Wallfahrt ist das Gnadenbild der Mutter Gottes, das sich in diesem Gotteshaus befindet. Weil es sich speziell um Marien-Wallfahrten handelt, finden sie außer an Ostern und Pfingsten auch an den der Gottesmutter gewidmeten Feiertagen Mariä Geburt, Mariä-Opferung und Mariä-Himmelfahrt statt.

Anlass des Kirchenbaus

Die Wallfahrtskirche in Hessenthal – Foto: Onderwijsgek

Eine Legende besagt, dass sich ein Köhler und ein Ritter auf einer Anhöhe im Spessart über die Existenz von Wundern stritten, als in einem Haselnussstrauch ein Abbild Mariens mit dem Jesuskind auf dem Arm aus dem Nichts zum Vorschein kam. Der Beweis für Wunder war somit erbracht und Hessenthal hatte seinen Namen. Die Ortsbezeichnung bezieht sich nämlich nicht auf das in der Nähe befindliche Bundesland Hessen, sondern resultiert aus dem im Dialekt gesprochenen Wort für die Haselnuss. Das Bildnis benötigte eine ansprechende Umgebung, weshalb man im Tal eine Kapelle errichtete. Darin schien sich das Abbild der Muttergottes allerdings nicht besonders wohl zu fühlen, denn allnächtlich verließ es seinen vorgesehenen Platz in der Kapelle und tauchte am nächsten Morgen an der ursprünglichen Fundstelle auf dem Berg wieder auf. Die Dorfbevölkerung wusste sich nicht mehr zu helfen, deshalb gelobte sie, das Bildnis jedes Jahr an Pfingstmontag anlässlich einer feierlichen Prozession auf den Berg zu tragen. Dieses Versprechen hatte Erfolg. Allerdings ist das Original trotzdem irgendwann komplett verschwunden, denn das Bild, das sich heute in der Wallfahrtskirche befindet, ist ein Ersatz aus dem Jahr 1480 und zeigt die Gottesmutter mit dem gekreuzigten Jesus. Diesem Gnadenbild werden mehrere Wunderheilungen nachgesagt. Der heutige Gebäudekomplex der Wallfahrtskirche in Hessenthal setzt sich aus drei Teilen zusammen:

Die spätgotische Kapelle

Der Barockaltar in der Gnadenkapelle – Foto: Gabriele Delhey

In dieser einschiffigen, älteren Kapelle befindet sich die Grabstätte der Familie Echter von Mespelbrunn mit einem aufwendigen Grabmal aus der Spätrenaissance und einer Reihe Grabplatten der Echters sowie drei Barockaltären und Seitenaltarbildern aus dem Spätbarock.

Die Gnadenkapelle

Der Baustil ähnelt der alten Kapelle, die Gnadenkapelle ist jedoch kleiner gehalten. Das Gnadenbild, die eigentliche Attraktion in diesem Kirchengebäude, wird von einem Barockaltar umsäumt. Das Familienwappen der Echter prangt am Schlussstein des Chores. Hier ist auch das Entstehungsdatum 1439 der Kapelle festgehalten.

Der Anbau

In der neuen Wallfahrtskirche kam die für das Baujahr 1950 typische Lichtarchitektur in Kirchen zum Tragen. Zwei darin befindliche Werke sind von herausragender, kunstgeschichtlicher Bedeutung. Die „Beweinung Christi“ wird als ein Frühwerk Tilman Riemenschneiders angesehen. Ob alle Skulpturen Schaffenswerke dieses Künstlers sind, ließ sich bisher nicht zweifelsfrei feststellen. Absolut gewiss ist dagegen die Herkunft der Kreuzigungsgruppe, die sich hinter dem Hochaltar befindet. Dieses Werk erschuf der Bildhauer Hans Backoffen in seinem Todesjahr 1519.

Die aus drei Komplexen bestehende Wallfahrtskirche in Hessenthal zieht somit nicht nur Gläubige an, sondern auch alle, die sich für Kirchenarchitektur und mittelalterliche Kunst interessieren.

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