Kolumne

Das Klassik Open Air in Nürnberg

Von: Tilman Weigel

Möglicherweise ist es das größte Klassik Open Air auf dem europäischen Festland. So genau weiß das auch Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly nicht. Wikipedia redet sich ebenfalls raus und schreibt “Das Klassik Open Air in Nürnberg gilt als die größte Freiluftveranstaltung mit klassischer Musik auf dem europäischen Kontinent.” In jedem Fall ist es die größte in Deutschland und somit natürlich auch in Bayern.

Stuhl oder Decke mitbringen, hinsetzen, lauschen – Foto: Franconia

Rund 100.000 Menschen kamen in den vergangenen Jahren zu den zwei Konzerten in den Nürnberger Luitpoldhain. Jeweils eines wird traditionell von den Nürnberger Symphonikern, eines von den Nürnberger Staatsphilharmonikern bestritten. Ebenso traditionell ist das Picknick, das vor und während des Konzerts abgehalten wird. Anders als bei traditionellen Konzerten gibt es keine Bestuhlung. Man sitzt auf Decken oder Picknickstühlen, nur einige Profis haben Tische samt Buffet aufgebaut.

Schon am Morgen sind die ersten Besucher da, um ihre Decken möglichst nahe an der Bühne auszubreiten. Bei gutem Wetter empfiehlt es sich in jedem Fall, einige Stunden vorher da zu sein. Solange wird Wein getrunken und gegessen. Rund ein Drittel der Besucher ist zwischen 19 und 25 und gehört somit nicht zur klassischen Zielgruppe für klassische Musik.

Auch unter den Älteren ist das Klassik Open Air für viele das einzige Klassikkonzert im Jahr. Das sorgt mitunter allerdings auch für Ärger. Wer Pech hat sitzt neben einer Gruppe, die sich ausgerechnet an der leisesten und stimmungsvollsten Stelle lautstark über das Fernsehprogramm von gestern unterhält. Womöglich noch mit der Entschuldigung: “Ich musste so laut reden um die Musik zu übertönen”. In Internetforen wird deswegen mitunter schon gefordert, Eintritt zu verlangen.

Eintritt frei – auch in Zukunft

Besonders stimmungsvoll wirds am Abend – Foto: Franconia

Das allerdings steht nicht zu befürchten. Ohnehin werden rund 60 Prozent der Kosten durch Standgebühren, Spenden und den Verkauf von Ansteckern getragen. Diese Vogel-Pins sind eine Art freiwilliger Eintritt. Damit erreicht das Klassik Open Air einen höheren Kostendeckungsgrad als manch teure Opernveranstaltung. Außerdem gehört gerade der freie Eintritt zur Tradition des Konzertes.

Das erste Klassik Open Air fand im Jahr 2000 zur Feier des 950. Geburtstags der Stadt Nürnberg statt. Das Kulturreferat wollte damals ein Konzert anbieten, bei der nicht nur die Honoratioren, sondern alle Bürger unabhängig vom Einkommen teilnehmen konnten. Der Erfolg war so groß, dass es zu einem jährlichen Ereignis wurde.

Man wäre nicht in Deutschland, wenn sich nicht auch sofort Bedenkenträger zu Wort gemeldet hätten. Der Luitpoldhain war schließlich auch ein beliebtes Aufmarschgelände der Nationalsozialisten gewesen. Hier fanden die ersten Nürnberger Reichsparteitage statt. Darf man hier Massenveranstaltungen durchführen? Hat nicht das traditionelle gemeinsame  Wunderkerzenabbrennen etwas von den Fackelzügen der Nazis? Darf man hier Wagner spielen? Und gab es hier nicht mal eine Zugabe, deren Titel auf Deutsch übersetzt “Heil dem (An-)Führer” hieß?

Das Stück immerhin ist unverdächtig. Denn “Hail to the Chief” ist das Lied des amerikanischen Präsidenten. Der Dirigent der Nürnberger Symphoniker, der Brite Alexander Shelley, lässt das Publikum zwar gerne singen, aber weder das Horst-Wessel-Lied noch die erste Strophe des Deutschlandliedes, sondern am liebsten Bruder Jakob – und das mehrstimmig.

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