Kolumne

Bonnland: 120 Häuser, 0 Einwohner

Von: Holger Schossig

Ich würde mal ganz kess behaupten, dass jemand, der nicht zufällig schon einmal etwas über Bonnland gehört hat oder in der näheren Umgebung wohnt, bisher noch nichts von der Existenz dieses Ortes gewusst hat. Kein Wunder, Bonnland taucht auch auf keiner Landkarte auf, denn der Ort ist unbewohnt. Obwohl das Dorf optisch sicherlich keinen großen Unterschied zu anderen unterfränkischen Dörfern aufweist, zumindest dann nicht, wenn man nicht so genau hinsieht. Auf der anderen Seite kann man gar nicht so genau hinsehen, weil man als Mensch wie Du und ich normalerwiese gar nicht dorthin gelangt.

Was also hat es mit diesem geheimnisumwobenen Dorf, das man gut als Geisterdorf bezeichnen könnte, auf sich? Nun, um das zu klären, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen.

Bis 1937 war alles normal

Wo einst Menschen wohnten, üben heute Soldaten – Foto: Denny Sander

Bonnland hat eigentlich bis ins 20. Jahrhundert nichts anderes erlebt, als die anderen Städte und Dörfer auch. Im Jahr 802 erstmals urkundlich erwähnt, erhielt der Ort 1331 mit der Reußenburg sogar eine wehrhafte Höhenburg. Ebenfalls in unmittelbarer Nähe ist das Schloss Greifenstein zu finden. Der Bauernkrieg 1525 ging ebenso nicht spurlos an Bonnland vorbei, ebenso wie die Pest im Jahr 1635. 1796 fielen dann im 1. Koalitionskrieg die Franzosen über Bonnland her und plünderten den Ort.

Ein erstes einschneidendes Ereignis, das letztendlich zur heutigen Situation führte, fand 1895 statt. Damals wurde im nahegelegenen Hammelburg ein Truppenübungsplatz geschaffen, durch den Bonnland große Flächen abgeben musste. Nachdem kurz nach dem 1. Weltkrieg der Truppenübungsplatz aufgelöst wurde, wurde er 1935 durch die Wehrmacht wieder aufgenommen und 1938 sogar erweitert – und zwar so weit, dass die Ortschaft Bonnland, ebenso wie das benachbarte Hundsfeld, in den Truppenübungsplatz einverleibt wurden. Bonnland wurde somit aufgelöst, die Bewohner umgesiedelt und seit dem 1. April 1938 ist der Ort nicht mehr bewohnt.

Ein kurzes Aufleben nach dem 2. Weltkrieg

Kirche und Friedhof sind übungsfreie Zone – Foto: scheurebe2000

Allerdings siedelten sich nach Ende des 2. Weltkrieges dort für mehrere Jahre wieder Menschen an, doch nachdem die US-Amerikaner im Jahr 1951 den Truppenübungsplatz erneut erweitern wollten und sogar noch weitere Ortschaften einverleibt werden sollten, gab es massiven Widerstand. Die Pläne wurden ad acta gelegt. Nach der Gründung der Bundeswehr wurde 1956 die Infanterieschule im Lager Hammelburg gegründet, was zur Folge hatte, dass die Menschen Bonnland erneut verlassen mussten. Am 14. Januar 1965 zogen endgültig die letzten Bewohner aus dem unterfränkischen Ort weg – für immer!

Dennoch sind noch heute die Häuser erhalten geblieben, auch die Michaeliskirche, die in der Ortsmitte steht, wird weiterhin gepflegt, ebenso der angrenzende Friedhof. Dies geschieht aus Respekt vor den damaligen Dorfbewohnern. Der Rest des Dorfes wird von der Bundeswehr zu Übungszwecken im Häuserkampf genutzt.

Dennoch wird der Ort auch alle Jahre der Bevölkerung zugänglich gemacht. Seit 1978 findet jährlich das Bonnlandfest statt. Dabei haben alle Interessierte und natürlich auch ehemalige Einwohner die Möglichkeit, den Ort zu besuchen. Zusätzlich findet alle fünf Jahre ein “großes Bonnlandfest” statt, bei dem sich die Bundeswehr präsentiert.

1 Kommentar zu Bonnland: 120 Häuser, 0 Einwohner

  1. Thorsten Stiefel // 5. März 2011 um 04:28 //

    Vor 10 Jahren war ich mal in Bonnland, eben beim Tag der offenen Türe. War schon interessant, das mal zu sehen. Ein Ort, an dem man sonst ja nicht so hinkommt. Aber es ist auch traurig, sogar als Außenstehender, wenn man sich überlegt, dass das mal die Heimat von hunderten von Menschen war. Kann mich noch erinnern, dass damals auch ehemalige Bewohner da waren, die sogar geweint haben.

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