Kolumne

Walchensee – der See zum Kraftwerk

Von: Tilman Weigel

Fast jeder bayerische Schüler kennt ihn, den Walchensee. Vor allem natürlich wegen des Kraftwerks, das in fast jedem bayerischen Schulbuch vorkommt.

Den See gab es freilich schon lange vor dem Kraftwerk. Vermutlich gehört er sogar zu den ältesten Seen in Deutschland. In jedem Fall ist er mit bis zu 190 Metern einer der tiefsten. Zum Vergleich: der wenige Kilometer nördlich vom Walchensee gelegene Starnberger See ist maximal rund 130 Meter tief, der Chiemsee rund 70. Und das, obwohl beide weitaus größer sind.

Der Walchensee im Alpenvorland – Foto: Rene Meyer

Bis heute ist der See außerdem einer der saubersten und klarsten. Bis zu zehn Meter tief kann man in dem klaren Wasser sehen. Dessen Fischreichtum hat den See schon früh zu einer beliebten Siedungsgegend werden lassen. Die Klöster Benediktbeuern und Schlehdorf stritten um die Rechte am See und sorgten dafür, dass die Region erschlossen wurde. Heute ist es vor allem die landschaftliche Schönheit des in 800 Meter Höhe gelegenen Sees, die die Menschen anzieht.

Den Ingenieur Oskar von Miller reizten dagegen am Anfang des 20. Jahrhunderts weder die Landschaft noch die Fische, sondern das starke Gefälle zwischen dem Walchen- und dem Kochelsee, verbunden mit der großen Wassermenge des tiefen Sees. Er wollte die bayerische Eisenbahn stärker von Kohle auf Strom umstellen. Denn der war nicht nur sauberer, sondern ließ sich auch in Bayern an vielen Orten gewinnen, während die Kohle aus dem Ruhrgebiet und aus Oberschlesien in den Freistaat geholt werden musste.

Das Walchenseekraftwerk – Foto: Oliver Spalt

Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg begannen die Bauarbeiten. Für die Errichtung des Kraftwerkes wurde sogar mit dem Kraftwerk Kesselbach ein eigenes kleines Werk zur Stromgewinnung für die Bauarbeiten erreichtet. Doch selbst das reichte für die gigantische Baustelle mit zeitweise bis zu 2.000 Arbeitern nicht aus. Erst 1924 konnte die eigens gegründete Walchenseewerk AG den ersten Strom ins Netz speisen.

Rund 200 Meter tief schießt das Wasser vom Walchensee hinab in die acht Turbinen und läuft dann in den Kochelsee. Bis zu 124 Megawatt Strom werden so erzeugt. Damit gehört das Walchenseekraftwerk zu den größten Wasserkraftwerken in Deutschland. Das Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld kommt mit 1.345 Megawatt zwar auf die zehnfache Leistung, doch für ein Wasserkraftwerk ist die Leistung beachtlich.

Seit 2001 lässt sich das Walchenseekraftwerk auch besichtigen. Der Stromriese E.ON als heutiger Eigentümer hat sogar auch ein Besucherzentrum eröffnet. Rund 100.000 Menschen nutzen das Angebot jedes Jahr.

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