Kolumne

Raubritter in Bayern

Von: Tilman Weigel

Schon das Wort „Raubritter“ hat etwas geheimnisvolles. Raubritter, das waren gefährliche Burschen. Sie führten ein verwegenes und freies Leben, doch anders als der klassische Räuber mussten sie nicht in Höhlen wohnen, sondern lebten auf prächtigen Burgen. Eigentlich ist er ein netter Kerl, der Raubritter. Nur der gesellschaftliche Wandel und der Niedergang des Ritterstandes zwingt ihn zu rauben. Leider.

Eppelein von Gailingen im Gefängnis

So weit die Vorstellung. Berühmt dürften in Bayern vor allem zwei Ritter sein. Eppelein von Gailingen entkam seiner Hinrichtung durch die Nürnberger angeblich durch einen Sprung über die Stadtmauer und höhnte: „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor.“

Nach Heinz vom Stein, dem wahrscheinlich berühmtesten Raubritter Oberbayerns hat die Schlossbrauerei Stein sogar ein Bier benannt. Dabei war jener Heinz keineswegs ein Sympathieträger. Der Legende nach entführte er gerne junge Mädchen – und das nicht, um mit ihnen Kaffee zu trinken. Der kam nämlich erst später nach Bayern.

Auch die schöne Waltraud soll er geraubt haben. Doch diese bleibt standhaft, nicht zuletzt wegen ihres Geliebten Siegfried von Gebsattel. Ihr Vater, der Maier von Trostberg wollte sie befreien, geriet dabei allerdings selbst in Gefangenschaft des wilden Heinz. Waltrauds Unschuld gegen des Vaters Leben – so sollte der Handel aussehen. Doch Waltraud nimmt sich lieber das Leben. Unterdessen stürmt Siegfried die Burg und ersticht den Raubritter.

Unzählige solcher Geschichten gibt es aus ganz Bayern. Vor allem in Franken, wo es zahlreiche kleine und kleinste Herrschaftsgebiete gab, wimmelte es nur so von Raubrittern. Der Begriff „Raubritter“ kam allerdings erst in der Neuzeit auf. Populär wurde er erst im 18. und 19. Jahrhundert.

Schloss Stein in Stein an der Traun soll der Zufluchtsort von Heinz vom Stein gewesen sein – Foto: Max1235

Nicht ganz unschuldig an der Karriere des Begriffs ist der Sozialist Friedrich Engels. Für ihn waren die Ritter ein weiteres Opfer des technischen Fortschritts. „Gerade wie die Nürnberg Handwerker wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie überflüssig gemacht“, schreibt er.

Eppelein von Gailingen und der Wilde Heinz hätte darüber bestenfalls gelacht. Sie, zwei Adelige, sollte mit den bürgerlichen Handwerkern verglichen werden? Und überhaupt, was heißt Raubritter? Räuber in ihrem Herrschaftsgebiet wurden von ihnen selbst unbarmherzig verfolgt und hingerichtet. Sie dagegen führten Fehde und die war im Mittelalter völlig legal, wenn auch seit der Herrschaft Barbarossas nur von Montag bis Mittwoch. Auch waren keineswegs alle „Raubritter“ verarmt. Historiker sind heute deshalb der Meinung, dass dem Begriff Raubritter ein falsches Verständnis des Mittelalters zugrunde liegt.

Erst der Ewige Landfrieden und die Reichsexekutionsordnung nahmen um 1500 dem Treiben der Ritter ihre Legalität. Doch Eppelein von Gailingen war da schon über 100 Jahre tot. Nachdem er den Nürnbergern entkommen war, wurde er zehn Jahre später gefangen und in Neumarkt hingerichtet. Die Neumarkter hätten dafür 1.000 Gulden erhalten sollen. Die enthielten die Nürnberger ihnen aber vor. Erst 1998 beglichen Sie die Schuld – in Schokoladengulden.

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