Kolumne

Mödlareuth, Berlin im Miniaturformat

Von: Sebastian Herbst

Was haben Berlin, die 3,4-Millionen-Einwohner starke Hauptstadt und Mödlareuth, ein 50-Seelen-Ort an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, gemeinsam? Richtig, die Einwohnerzahl auf jeden Fall nicht. Doch was sich 1949 in Berlin abspielte, wiederholte sich genauso noch einmal 300 Kilometer weiter südlich – nur viel, viel kleiner. Mödlareuth liegt nämlich nicht neben der Grenze zwischen den beiden Bundesländern, sondern tatsächlich auf der Grenze – was dazu geführt hat, dass die eine Hälfte des Ortes völlig andere Postleitzahlen und Vorwahlen hat wie die andere.

Dieses Bild entstand 1949, noch vor dem Mauerbau – Foto: Bundesarchiv

Und als 1949 Thüringen Teil der sowjetischen Besatzungszone wurde, musste auch mit Mödlareuth etwas geschehen. Anstatt das Dorf komplett an eine einzige Siegermacht zu übergeben, wurde es jedoch, genau wie Berlin, einfach in der Mitte geteilt. Fast wie das große Vorbild, mit einer Mauer, Wachtürmen und Soldaten, nur eben viel kleiner.

Zunächst begann es mehr oder weniger harmlos mit der Umsiedlung einiger Personen und der Errichtung eines Holzzauns. Doch dann ging alles sehr schnell. Der Zaun wurde durch Stacheldraht, später dann durch eine richtige Mauer ersetzt. Zeitweise waren an der Grenzanlage sogar Selbstschussanlagen montiert. Familien wurden – wie in Berlin – getrennt und konnten sich nur noch über die Mauer zuwinken.

28 Jahre Trennung mitten durchs Dorf, wie diese Tafel veranschaulicht – Foto: Andreas Praefcke

Erst 1989 wurde aufgrund der politischen Wende der Grenzübergang wieder geöffnet, ein Jahr später ließ man schließlich die Mauer bis auf ein kleines Teilstück komplett abreißen. Dieses ist als Mahnmal übrig geblieben und gehört zu dem 1994 gegründeten Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth, das die Vergangenheit ein Stück weit erhält.

Doch die 41-jährige Trennung, verbunden mit der nach wie vor vorherrschenden Zugehörigkeit zu verschiedenen Bundesländern, kann man immer noch in Mödlareuth spüren. Es gibt unterschiedliche Schulen für das „Dualdorf“, die Einwohner wählen getrennt und während man im bayerischen Mödlareuth mit „Grüß Gott“ grüßt, so wird man auf der thüringischen Seite etwas befremdlich angesehen, wenn man nicht das dort typische „Guten Tag“ verwendet.

Kommentar hinterlassen