Kolumne

Ingolstadts berühmtester Einwohner: Viktor Frankenstein

Von: Tilman Weigel

Horst Seehofer ist aus Ingolstadt und Günter Grünwald auch. Doch der berühmteste Ingolstädter ist fiktiv. Es ist ein künstlicher Mensch, den ein gewisser Viktor Frankenstein geschaffen haben soll. So beschreibt es zumindest die englische Schriftstellerin Mary Shelley in ihrem Roman „Frankenstein or The Modern Prometheus„.

Frankenstein in einer Ausgabe von 1831

Eigentlich ist Frankenstein in Italien geboren und in der Schweiz aufgewachsen, doch sein Wissensdurst hat ihn an eine der altehrwürdigsten bayerischen Hochschulen geführt, nämlich an die Universität Ingolstadt. Die gab es tatsächlich einmal. 1472 gegründet war sie – abgesehen von der 1402 ins Leben gerufenen aber erst 1582 wiedergegründeten Universität Würzburg – die älteste Hochschule im heutigen Bayern.

Von jeher war Viktor Frankenstein von der Idee angetrieben, aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen zu schaffen. Und er ist erfolgreich. Allerdings nimmt es Viktor mit den Details nicht so genau und so wird das Geschöpf so häßlich, dass Frankenstein aus dem Labor flieht. Als er zurückkommt, ist das Wesen verschwunden.

In dem Buch ist das Geschöpf keineswegs ein fuchtbares Monster. Zwar tötet es Viktors Bruder Wilhelm, doch das ist mehr ein Versehen. Wilhelm erschrickt vor dem künstlichen Menschen. Der will ihm deshalb den Mund zuhalten und tötet ihn durch seine ungeheuren Kräfte. Der eigentliche Schurke ist Viktor Frankenstein. Als fälschlicherweise ein Dienstmädchen angeklagt wird, schweigt er über den wahren Täter, auch als die vermeintliche Mörderin hingerichtet wird. Erst später wird der Unhold, wegen seiner Häßlichkeit aus der Gesellschaft ausgestoßen, zum Mörder.

Mary Shelley erfand die Geschichte um das "Monster"

Aber warum spielt rund ein Drittel des Romanes in Ingolstadt? Mary Shelley war vermutlich nie in der Stadt. Zwar unternahm die Engländerin zwei Europareisen, doch die erste führte sie durch Frankreich nach Genf, die zweite über Paris ebenfalls in die Schweiz und von dort den Rhein entlang.

Die berühmte bayerische Landesuniversität ist nur ein Grund, auch wenn dort im 18. Jahrhundert die medizinische Fakultät ein „Experimentiergebäude“ bekam, um dessen Anatomiesaal sich viele unheimliche Gerücht rankten. Aber große Universitäten gab es in Europa noch mehr und 1818 war sie ohnehin längst nach Landshut verlegt. Heute befindet sie sich als Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Möglicherweise lies sich Mary Shelley auch von einer anderen Gestalt inspirieren, wie Victor Frankenstein ein begnadeter Wissenschaftler, der sich allerdings mitunter zweifelhafter Methoden bedient und in seinem Wissensdrang einigen Schaden anrichtet: Faust. Der historische Faust hatte sich tatsächlich in Ingolstadt aufgehalten. Er war aber ebenfalls in vielen anderen Städten, darunter auch in Nürnberg und Bamberg.

So stellte man Frankensteins Monster in Filmen dar (hier: Boris Karloff)

Entscheidender dürfte ein dritter Grund sein. Aus Mary Shelleys Tagebuch wissen wir, dass sie sich auf ihrer Rheinreise intensiv mit dem Werk des französischen Verschwörungstheoretikers Jacques François Lefranc auseinandersetzte. Der sah die französische Revolution als Ergebnis einer Verschwörung des Illuminatenordens und beschrieb sie als Monster, geschaffen durch die ketzerischen Gedanken jener Geheimgesellschaft, die 1776 in Ingolstadt gegründet worden war.

Die Ingolstädter jedenfalls freut’s. Seit 1995 gibt es sogar eine Stadtführung rund um Frankenstein. Weil es nur wenige Gebäude gibt, die in Mary Shelleys Roman vorkommen, steht dabei nicht das Anschauen im Mittelpunkt, sondern das Gruseln.

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