Kolumne

Der Spessart – wo die Räuber wohnten

Von: Tilman Weigel

Abenteuerlich war es im Spessart früher – und arm. Eine Region wie aus dem Märchenbuch, ganz anders als das weinselige südliche Unterfranken. Schneewittchen und die sieben Zwerge sollen hier gelebt haben, arme Köhler, Bergarbeiter und Räuber sowieso.

Der Spessart unweit von Aschaffenburg – Foto: Maulaff

Die These vom unterfränkischen Schneewittchen ist mehr als umstritten, der Rest dagegen wahr. Die Landwirtschaft war wenig ertragreich und der Wald eine schlechte Einnahmequelle. Wenn es zu viele Kinder und zu wenig Nahrung gab, wurden Neugeborene im schlimmsten Fall „gehimmelt“, also im Winter vor der Tür „vergessen“, bis sie erfroren waren. Der Eisenbergbau war wenig ergiebig und so lebten beispielsweise viele Frammersbacher vom Fuhrhandwerk. Sie zogen dabei durch ganz Europa und kamen nur hin und wieder in ihren Heimatort. So verdienten sich vor allem gegen Ende des 18. Jahrhunderts einige Spessartbewohner als Räuber ihr Geld – Grundlage für Wilhelm Hauffs Märchen „Das Wirtshaus im Spessart„.

In den Glashütten, wie hier in Weibersbrunn, verdiente man im 18. Jahrhundert sein Geld.

Mit der industriellen Revolution wurde die Situation zunächst noch schlechter. Hatten Glashütten, Hammerwerke und Töpfereien zumindest ein bescheidenes Einkommen garantiert, hatten viele Betriebe nun gegen die größeren und effizienteren Fabriken in den Industriezentren keine Chance mehr. 1852 beschrieb der Arzt und Politiker Rudolf Virchow in seiner Studie „Die Noth im Spessart“ die bittere Armut der Menschen. Gutes wusste er dagegen über die Spessartbewohner selbst zu sagen: „Unsere Reise führte uns demnach durch die mannigfaltigsten Gegenden des Spessarts und seiner Vorberge, und da wir überall das thätigste und freundlichste Entgegenkommen der Beamten, Aerzte und Revierförster fanden.“

Der Spessart bietet noch heute sehr große und dichte Wälder – Foto: Maulaff

Heute ist die Region vergleichsweise wohlhabend. Aus dem „Höllenhammer“ in Elsavatal ist der Hydraulikkonzern Bosch-Rexroth geworden, vor allem in Lohr gibt es zahlreiche mittelständische Unternehmen und im Norden leben viele Pendler aus Frankfurt. Geblieben sind die großen Wälder. Zwar sind sie nicht mehr so undurchdringlich wie zu Zeiten der Spessarträuber oder gar im Hochmittelalter, als der Spessart kaiserlicher Bannwald und nicht zur Besiedlung freigegeben war. Aber dafür ging die Aufforstung mit Nadelhölzern wie beispielsweise im Nürnberger Reichswald am Spessart nahezu vorbei. Bis heute prägen Buchen und Eichen die Wälder. Einen guten Eindruck davon bekommt man auf dem Eselsweg, einem uralten Handelsweg, auf dem man kaum ein Dorf durchqueren muss. Statt Reisende auszurauben versucht man heute, sie als Touristen zu gewinnen.

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