Kolumne

Albert Göring – der gute Bruder

Von: Tilman Weigel

Nein, ein Held wie aus dem Bilderbuch war Albert Göring nicht. Eher ein Lebemann, der es mit vielem nicht so genau nahm. Mehrmals musste sein Bruder ihm finanzell aushelfen oder seine Kontakte spielen lassen, um Vergehen wie Fahrerflucht und Insolvenzbetrug zu vertuschen. Aber Albert war auch jemand, der von der Brutalität und Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten abgestoßen wurde. Und das, obwohl sein Bruder Hermann dort als Reichsfeldmarschall einer der führenden Köpfe neben Hitler war.

Albert Göring war der jüngere Bruder von…

1895 war er als Sohn des Diplomaten und ehemaligen Reichskommissars von Deutsch-Südwestafrika Heinrich Göring und seiner aus Bayern stammenden Frau Franziska geboren worden. Obwohl er in Berlin zur Welt kam, verbrachte er einen großen Teil seines Lebens in Bayern. Ein Freund der Familie und Taufpate aller fünf Göring-Kinder besaß nämlich in Neuhaus an der Pegnitz die Burg Veldenstein. Schon 1897 hatte Dr. Hermann sie gekauft und stellte sie der befreundeten Familie Göring als Wohnort zur Verfügung.

Obwohl sich beide Brüder sehr gut verstanden haben sollen, waren sie verschieden wie Tag und Nacht. Während von seinem Bruder Hermann berichtet wird, dass er bereits als Kind am liebsten Krieg spielte, wurde Albert ein Lebemann. Es wurde deshalb sogar die Theorie aufgestellt, dass er eigentlich der illegitime Sohn Hermann von Eppsteins sei. Eine These, die allerdings mittlerweile als unwahrscheinlich gilt, auch wenn Alberts Mutter wohl eine mehr oder weniger offene Affaire mit dem Arzt hatte.

…Hermann Göring, zu dem er, trotz unterschiedlicher politischer Ansichten, immer ein gutes Verhältnis hatte – Foto: Bundesarchiv, Bild 102-13805 / CC-BY-SA

Nachdem die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernommen hatten, ging Albert nach Österreich. Dort sprach er sich offen gegen die Nazis aus. Auch nach deren Einmarsch in Österreich kritisiert er den Nationalsozialismus und fälschte Papiere, um Juden die Flucht zu ermöglichen. Als Exportchef der Skoda-Werke im besetzten Tschechien soll er öfter KZ-Häftlinge als Arbeiter für die Fabrik angefordert und ihnen dabei die Flucht ermöglicht haben.

Immer wieder musste sein Bruder Hermann schützend die Hand über ihn halten. Das Verhältnis der beiden Brüder zueinander war geradezu grotesk. Obwohl sie politisch so unterschiedlich dachten, behielten sie ein gutes Verhältnis. Albert setzte sich bei Hermann des Öfteren für Juden ein, darunter auch für die Frau des Komponisten Franz Lehár. Der deutschstämmige Chefdolmetscher bei den Nürnberger Prozessen, Richard Wolfgang Sonnenfeldt, beschrieb das Verhältnis so: „Albert ging zu seinem Bruder und sagte ‚Hermann, du bist groß und mächtig. Hier ist ein Jude, der ist ein guter Jude und gehört nicht ins KZ. Kannst Du nicht einfach die Freilassungspapiere unterschreiben?‘ Und Hermann würde sagen: ‚Das ist aber das letzte Mal.'“

Albert wurde wie sein Bruder in Nürnberg vor Gericht gestellt, allerdings aufgrund zahlreicher Aussagen zu seinen Gunsten freigesprochen. Nach dem Krieg kam er nicht wieder richtig auf die Beine. Er lebte als Dolmetscher und Autor in München und wurde hin und wieder von Leuten unterstützt, denen er geholfen hatte. 1966 starb er in der bayerischen Landeshauptstadt.

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