Kolumne

Das ehemalige deutsche Harvard

Von: Tilman Weigel

Gerade mal rund 15.000 Einwohner hat die Stadt Altdorf bei Nürnberg heute. Und doch hatte der spätere Feldherr Wallenstein hier ebenso studiert wie der Komponist Johann Pachelbel. Erster soll recht unangenehm aufgefallen sein, aber die Studenten hatten damals allgemein keinen guten Ruf. Meist handelte es sich um junge Adelige, die gerne tranken, rauften und sich im schlimmsten Fall an den Bürgertöchtern vergriffen. Aus vielen Städten sind richtig gehende Massenschlägerein zwischen Handwerksburschen und Studenten berichtet.

Die Universität Altdorf in einer Zeichnung von 1714

Die Bürger vieler Universitätsstädte wären die Studenten deswegen am liebsten los geworden. Doch gegen den Wunsch der Fürsten waren sie machtlos. Anders sah es in der Freien Reichsstadt Nürnberg aus. Die war zwar nicht nach heutigen Maßstäben demokratisch, wohl aber lag die Macht in den Händen der Bürger. Und die entschieden, dass die Akademie für die Nürnberger Söhne nicht in Nürnberg, sondern in Altdorf liegen sollte.

Eine Universität war die Einrichtung damals noch nicht. Nachdem das 1526 unter Beteiligung von Martin Luther und vor allem Philipp Melanchthon gegründete Gymnasiums St. Egidien nach neun Jahren wieder in eine Trivialschule umgewandelt worden war, unternahm der ehemalige Rektor Joachim Camerarius der Ältere 1565 einen zweiten Vorstoß beim Rat. Nürnberg brauche erneut eine Bildungseinrichtung für die Söhne des Patriziats.

Wallenstein hat in Altdorf ebenso studiert…

Am 30. September 1571 war es soweit, der Grundstein für eine neue Schule wurde gelegt. Nicht in Nürnberg, sondern eben in Altdorf, einer zum Nürnberger Landbesitz gehörenden Kleinstadt. Nürnberger Patrizier hatten die Kollegiengebäude zum großen Teil finanziert. Dafür durften ihre Söhne dort wohnen. Denn nicht nur von seiner Lage außerhalb der Stadt, auch von der Anlage als geschlossener Gebäudekomplex mit Studieren und Wohnen an einem Ort erinnerte die Einrichtung eher an angelsächsische Campus-Universitäten. Am 29. Juni 1575 wurde die Einrichtung eröffnet, damals noch als Gymnasium. Doch schon kurz darauf wurde sie zur Akademie erhoben und 1581 wurde der erste Magister-Titel verliehen.

Das 17. Jahrhundert läutete gleichzeitig die Blütezeit, aber auch schon das Ende ein. 1622 wurde die Altdorfina zur Universität erhoben, in den folgenden Jahren wurden die Sternwarte, die Anatomie und ein chemisches Labor eingerichtet. Doch gleichzeitig beutelte der Dreißigjährige Krieg die Region. Nürnberg musste hohe Summen zahlen, um Plünderungen zu vermeiden. Die Universität erholte sich zwar wieder und wurde im 18. Jahrhundert zu einer der führenden Hochschulen in Deutschland.

…wie der Nürnberger Komponis Johann Pachelbel

Die Stadt Nürnberg fand dagegen nicht mehr zu alter Blüte zurück. 1806 wurde sie dem Königreich Bayern einverleibt. Die neuen Machthaber in München entschieden, dass eine protestantische Universität im Land mehr als genug sei und das war die in Erlangen. So wurde die Altdorfina schon 1809 geschlossen.

Bis heute ist Nürnberg die mit Abstand größte deutsche Stadt ohne eigenständige Universität. Dafür ist vermutlich keine Hochschule aus der Zeit des Barock in Deutschland so gut erhalten wie der Gebäudekomplex der ehemaligen Universität in Altdorf. In den Häusern befindet sich heute ein Zentrum für Körperbehinderte sowie ein Universitätsmuseum, das allerdings nur am Wochenende von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet hat.

Kommentar hinterlassen