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Kolumne

Burg Rothenfels – Zentrum der katholischen Erneuerung

Von: Tilman Weigel

Wie so oft begann auch die Geschichte der Burg Rothenfels mit einem Betrug. Marquard III. von Grumbach hatte sich 1148 vom Abt des nahegelegenen Klosters Neustadt die Genehmigung für den Bau einer “schlechten Behausung” geben lassen. Doch stattdessen lies er eine Burg errichten. Nach dem Protest des Abtes einigte man sich, dass die Burg dafür nach dem Aussterben der Grumbacher an das Kloster fallen sollte. Ein Versprechen, das ebenfalls nicht eingehalten wurde.

Burg Rothenfels – Foto: Frau Hitt

In den Besitz einer kirchlichen Vereinigung kam die Burg trotzdem, allerdings erst fast 800 Jahre später. Während der Zeit der Weimarer Republik tagte hier der katholische Arbeitskreis Quickborn und entwarf neue Konzepte für Kirche und Gesellschaft. Die Forderungen nach selbstbestimmter Lebensführung, gleichem Rang für beide Geschlechter, offenen Diskussionen und der Enttabuisierung der sexuellen Aufklärung waren ihrer Zeit weit voraus. Vieles davon wurde jenseits des Arbeitskreises erst viel später oder bis heute gar nicht umgesetzt. Viele Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden auf Burg Rothenfels schon vorweg genommen. Damals hätten sie allerdings beinahe zu einem Verbot durch die deutsche Bischofskonferenz geführt.

Das waren keineswegs die einzigen Schwierigkeiten. Einige wirken heute geradezu kurios. Beispielsweise erhielt der Bund Zuschüsse bei der Sanierung der Burg, die er 1919 in schlechtem Zustand vom Fürsten von Löwenstein gekauft hatte. Doch in Deutschland herrschte damals Hochinflation. Während die Zuschussschecks mit der Post unterwegs waren, verloren sie bereits an Wert. Und von den meist jugendlichen Mitgliedern konnte man keine hohen Beitragszahlungen verlangen.

Westpalas mit Bergfried und Pechnase – Foto: Frau Hitt

Trotzdem setzte der Verein den Ausbau fort. Schon 1919 hatte das erste Reichstreffen auf der Burg stattgefunden. Der Pfarrer, Lehrer und Mitbegründer des Quickborn-Arbeitskreises Klemens Neumann hatte sich für ein halbes Jahr beurlauben lassen und selbst angepackt, und auch die ein oder andere Investition aus eigener Tasche bezahlt. Später setzten Profis den Umbau fort. Bauhausarchitekten und moderne Künstler gestalteten die Inneneinrichtung und die Sakralgegenstände. Auch wenn die obersten Führungskräfte sich “Gauleiter” nannten und der Vorsitzende “Erster Führer” hieß, was auf Burg Rothenfels erdacht wurde war fast wie ein Gegenentwurf zum Nationalsozialismus.

Klar, dass der Quickborn-Arbeitskreis nach 1933 Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern bekam. Der Verein der Quickborn-Freunde nannte sich deswegen vorsichtshalber in Vereinigung der Freunde von Burg Rothenfels um. Aufgelöst wurde er 1939 dennoch, erhielt die Burg jedoch nach dem Krieg zurück und betreibt sie bis heute.

Heute ist Burg Rothenfels eine für viele Gruppen offene Jugendherberge. Freie Entfaltung der Persönlichkeit und ganzheitliche Lebensführung sind noch immer Ziele der Vereinigung. Besonders beliebt seien daher Familien- und Jugendtagungen sowie Veranstaltungen zu Fragen des christlichen Lebens und musische Tagungen, betont der Verein. Und noch immer finden hier regelmäßig Tagungen des Quickborn-Arbeitskreises statt, auch wenn heute mit Themen wie Kirchenaustritten und Medienmacht neue Probleme auf dem Programm stehen.

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